· 

Buchempfehlung: Anders satt - Vorwort der Autorin

Die Liste, die mit der aktuellen Tierhaltung und dem Konsum von Tierprodukten verbunden ist, ist lang:
Tierleid, Gesundheitsgefahren, Klimaemissionen, Ressourcenverschwendung, um nur einige zu nennen.
Ähnlich lang ist die Liste der Lösungsvorschläge, die jeweils Teile der Problematik adressieren: Bessere Tierschutzvorschriften und Fördergelder sollen das Leid der Tiere in den Mastanlagen verringern. Technische Innovationen könnten die Erzeugung von Fleisch und Milchprodukten klimafreundlicher machen. Beliebt ist auch der Fokus auf den individuellen Konsum: Jede Person kann etwas für die eigenen Gesundheit und die Umwelt tun, indem sie einfach weniger Wurst und Käse konsumiert.

In diesem Buch argumentiere ich dafür, dass solche Maßnahmen dem Ernst der Lage nicht gerecht werden. Mit kleinen Anpassungen in der Tierhaltung oder unseren Ernährungsgewohnheiten ist es nicht getan. Stattdessen braucht es, so meine These, einen Ausstieg aus der Tierindustrie - und damit meine ich eine politisch organisierte, umfassende Transformation von Landwirtschaft und Ernährung, im Zuge derer die sogenannte Nutztierhaltung systematisch und schnell abgebaut und schließlich abgeschafft wird.

Diese Transformation bietet zugleich immense Chancen: Gerade weil die Tierindustrie eine Schnittstelle so vieler Probleme und Krisen bildet, bringt ihr Ende Vorteile in vielen Bereichen. Wir können nicht nur große Mengen Klimagase einsparen, sondern dazu Artenvielfalt wiederherstellen, neuen Pandemien vorbeugen, gigantisches Tierleid beenden und auf freiwerdenden Flächen Klimaschutz betreiben.

Die Ansicht, dass die Tierindustrie nicht reformierbar ist, sondern stattdessen abgeschafft gehört, gilt in vielen Diskussionen als radikal. Ich bin aber davon überzeugt - und werden in den folgenden Kapiteln begründen - dass genau diese Radikalität der Sache, also unserer aktuellen Realität angemessen ist.

Schon der Ausdruck "Tierindustrie" wird häufig als Kampfbegriff aufgefasst, mit dem an die sachliche Debatte verlässt. Dabei ist auch dieser Begriff der Realität angemessen: Wir haben es mit einer Wirtschaftsbranche zu tun, die an jedem einzelnen Tag allein in Deutschland über zwei Millionen fühlende Lebewesen tötet und verarbeitet - die allermeisten davon an Fließbändern in großen Schlachtfabriken.
Viele Argumente für einen politisch organisierten Ausstieg aus dieser Industrie liegen eigentlich seit Jahren auf dem Tisch. Und es kommen sogar stetig neue Gründe hinzu.
Stichwort Gesundheit: Seit 2020 wissen wir aus eigener Erfahrung, was eine globale Pandemie bedeutet. Viele seriöse Institutionen haben seitdem darauf hingewiesen,  dass gerade die Tierindustrie praktisch täglich Gefahr läuft, neue Viren heranzuzüchten, die sich zudem als viel zerstörerischer erweisen können als Covid-19.

Stichwort Ernährungsicherheit und Ressourcenverschwendung: Im Februar 2022 begann der russische Angriffskrieg auf  die Ukraine. Neben den direkten furchtbaren Auswirkungen auf die Menschen und Tiere in der Ukraine hat der Krieg auch Folgen für das globale Ernährungssystem, denn Russland und die Ukraine sind wichtige Exportländer für Getreide und Düngemittel. Wenn diese Güter knapper werden, steigen die Nahrungsmittelpreise und gerade ärmere Menschen können sich nicht mehr ausreichend ernähren. In dieser Situation ist es besonders unverantwortlich, dass global ein Drittel der Getreideernte an Tiere verfüttert wird und wir in Deutschland sogar fast die Hälfte des Ackerlands dafür verwenden, Tierfutter anzubauen.

Stichwort Klima: Im April 2022 ist ein neuer Bericht des Weltklimarats erschienen, der unmissverständlich klarstellt: Wir sind auf Kurs in eine kaum vorstellbare Klimahölle aus extremen Unwettern, Dürren und Hitze. Um die Erderwärmung noch abzubremsen, braucht es drastische Umbrüche in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen. Und eine Umstellung von Landwirtschaft und Ernährung auf pflanzenbasierte Nahrung hat dabei ein besonders großes Potential.

Die Situation der Tiere in der Tierindustrie wiederum ist trotz aller Bemühungen um "mehr Tierwohl" seit Jahren unverändert grauenhaft. Schweine müssen auf wenigen Quadratmetern Spalenboden über ihrem eigenen Kot leben. Hühner sind so gezüchtet, dass viele von ihnen kaum mehr laufen können oder sie sich, wie im Fall der sogenannten "Legehühner" mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einemal in ihrem kurzen Leben das Brustbein brechen. Und die Kühe, die zur Milchproduktion genutzt werden, sind praktisch dauerschwanger, ohne dass sie eines ihrer Kälbchen je selbst versorgen dürfen.

Wenn man all diese Problemfelder ernstnimmt, wird schnell klar, dass  es mit moderaten Reformen nicht getan ist -
etwas mehr Platz würde den Tieren kein gutes Leben verschaffen und eine nur etwas verringerte Produktionsmenge bliebe klimaschädlich, verschwenderische und gesundheitsgefährdend.

Es ist auch nicht angemessen, den Verbraucher*innen die ganze Verantwortung zuzuschieben, indem man nur dazu aufruft, dass wir alle als Einzelne bessere Kaufentscheidungen treffen sollen. Erstens geht das in Anbetracht der Krisen nicht schnell genug: Der Fleische- und Milchkonsum sinkt in Deutschland zwar bereits, aber nur in sehr geringem Maße, während der Konsum von Käse und Eiern sogar zwischen 2010 und 2021 gestiegen ist. Zweitens ist das Agrar- und Ernährungssystem von staatlichen Regelungen und Subventionen stark geprägt. So fließen jedes Jahr mindestens
13 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern in die Erzeugung von Fleisch, Milch und Eiern. Wir haben nicht nur die Verantwortung für den eigenen Konsum, sondern eine gemeinsame Verantwortung für diese einflussreichen Rahmenbedingungen.

Aber obwohl diese Einsichten eigentlich auf der Hand liegen, werden sie bislang weder von relevanten Parteien ernsthaft aufgegriffen noch von großen Organisationen in politische Forderungen übersetzt. Das liegt sicher auch daran, dass die logische Konsequenz, also der umfassende Ausstieg aus der Tierindustrie, als unrealistisch gilt - der Verdacht ist, dass es sich zwar vielleicht um eine schöne Utopie handelt, aber nicht um eine echte Option. Denn es scheinen zu wichtige Interessengruppen dagegen zu stehen.

Da ist zum einen die übergroße Mehrheit der Konsument*innen. 90 Prozent der Deutschen essen Fleisch, vegan lebende Menschen bilden nur verschwindende zwei Prozent. Wer eine Änderung von Ernährungsweisen fordert, wird sofort an die Reaktionen auf den "Veggie Day"-Vorstoß der Grünen im Bundestagswahlkampf 2013 erinnert: Weil die Partei vorgeschlagen hatte, in Kantinen einen fleischfreien Tag pro Woche einzuführen, brach in vielen Medien ein Sturm der Entrüstung los.

Zum anderen gibt es die tierhaltenden Landwirt*innen, die Tierindustrie-Konzerne und ihre Interessenverbände, die die Branche vehement verteidigen und zudem darauf beharren, dass eine Landwirtschaft mit deutliche weniger oder ohne Tierhaltung gar nicht praktikabel wäre. In dieser Situation scheint das einzig Vernünftige zu sein, einen Kompromiss im Sinne eines Mittelweges zu suchen und zum Beispiel einen bloßen "Umbau der Tierhaltung" anzustreben - was eben bedeutet, die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern nur anzupassen, aber nicht grundsätzlich in Frage zu stellen.

Nun möchte ich gar nicht bestreiten, dass die Suche nach Kompromissen in einer Demokratie der richtige Ansatz ist. Ich bin unbedingt der Überzeugung, dass man Wünsche und Interessen sowohl der Verbraucherinnen als auch der Landwirte sehr ernst nehmen muss, auch weil ohne sie eine Transformation von Landwirtschaft und Ernährung gar nicht funktionieren wird.

Aber wer die Situation richtig einschätzen will, muss auch anerkennen, dass die allermeisten Verbraucher*innen in tiefen Widersprüchen leben. Sie konsumieren Tierprodukte, wenden sich aber mit Grausen ab, wenn sie Videoaufnahmen aus Mastanlagen oder Schlachthöfen sehen - dann zum ganz normalen moralischen Empfinden gehört, dass wir Tiere nicht leiden lassen wollen. Tatsächlich stimmten bei einer repräsentativen Umfrage im Jahr 2021 fast 70 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Massentierhaltung in Deutschland verboten werden sollte. Nur 21 Prozent waren dagegen.

 

Genauso möchten die allermeisten Menschen ein lebenswertes Klima erhalten und sind dafür auch zu persönlichen Umstellungen bereit, wenn sie Informationen erhalten und über gemeinsame Maßnahmen mitentscheiden können.

Im Bürgerrat Klima zum Beispiel kamen 160 zufällig ausgeloste und nach repräsentativen Kriterien ausgewählte Menschen zusammen, um unterstützt von Wissenschaftler*innen über sinnvolle Klimaschutzmaßnahmen zu beraten. Für den Bereich Ernährung stimmten am Ende über 90 Prozent der Ratsmitglieder u.a. dafür, in allen öffentlichen Kantinen den Anteil von Tierprodukten drastisch zu reduzieren.

Die Agrarverbände und Tierhalter*innen wiederum stützen sich, wenn sie die Tierindustrie verteidigen, in Wahrheit zum großen Teil auf Mythen und irreführende Darstellungen, die leicht zu widerlegen sind. So suggeriert zum Beispiel der Bundesverband Rind und Schwein gern, die besonders klimaschädliche Rinderhaltung sei eigentlich klimaneutral, weil das dabei entstehende Methan nach etwa 10 Jahren wieder zu Kohlendioxid zerfalle. Dabei ist diese kurze Lebensdauer des Methans in den üblichen Berechnungen zur Klimabilanz schon längst berücksichtigt.

Auch wird von Agrarseite immer wieder behauptet, dass die Tierhaltung notwendig sei, um nicht ackerfähiges Land und pflanzliche Nebenprodukte sinnvoll zu nutzen. Tatsächlich kann man mit diesem Argument aber das aktuelle Ausmaß der Tierindustrie nicht rechtfertigen. Denn wenn man die Tiere nur noch auf dieser Basis ernähren wollte, müssten die Tierzahlen eben massiv sinken. Es gibt außerdem für diese Flächen und Nebenprodukte auch andere Nutzungsmöglichkeiten.

Dass diejenigen, die die Tierindustrie verteidigen, zu solchen Mitteln greifen, zeigt vielleicht schon, in welcher Zwangslage sie sich befinden: Sie sind derzeit wirtschaftlich von einer Praxis abhängig, die den Empfehlungen der Wissenschaft zuwider läuft und zunehmend den gesellschaftlichen Rückhalt verliert. Sie Polarisierung zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft wird zwar allerorten beklagt, zu wenig wird dabei aber anerkannt, dass viele - wenn auch sicher  nicht alle -

Kritikpunkte an der modernen Tierindustrie nicht auf Entfremdung oder Unkenntnis von Stadtmenschen beruhen, sondern ganz reale Probleme adressieren.

In dieser Situation einen Kompromiss mit der Tierindustrie zu suchen, bedeutet letztlich, die Falschdarstellungen ernst zu nehmen und die gravierenden Probleme, die für einen konsequenten Ausstieg sprechen, zu ignorieren. Damit erweist man aber nicht nur der Gesellschaft und den Tieren, sondern am Ende auch der Landwirtschaft selbst einen Bärendienst.

 

Stattdessen muss es darum gehen, auf Basis der Fakten eine Lösung zu suchen, die für alle gut ist. Und genau das kann der Ausstieg aus der Tierindustrie sein, wie ich in diesem Buch zeigen möchte. Ebenfalls möchte ich zeigen, dass es sich entgegen verbreiteter Einschätzungen nicht nur um eine unerreichbare Utopie, sondern dagegen um eine realistisch umsetzbare Option handelt. Eine Landwirtschaft ohne sogenannte "Nutztiere" funktioniert und ist effizient. Es gibt politische Maßnahmen, mit denen sich die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung beeinflussen lassen, ganz ohne Essensdiktatur - sogar im Gegenteil: Gerade eine Demokratisierung des Ernährungssystems ist ein wichtiger Schritt hin zu einer ökologisch und ethisch vertretbaren Ernährung. Und für diejenigen, die heute von der Tierhaltung leben, lässt sich eine gerechte Transformation gestalten, indem Subventionen umgeschichtet werden und gute Alternativen geschaffen werden.

Ich möchte in diesem Buch verdeutlichen: Der Ausstieg aus der Tierindustrie ist nicht nur eine der dringlichsten gesellschaftlichen Aufgaben. Er ist zugleich eine gewaltige Chance, der Klimakatastrophe zu begegnen und den Umgang mit unseren Mitlebewesen und miteinander auf en neues Fundament zu stellen. Wir dürfen uns diese Chance nicht entgegen lassen.

 

Aber ist es nicht vermessen von mir, gleichsam aus dem Lehnstuhl heraus ein solches Transformationsprogramm vorgeben zu wollen - gerade weil viele Praktiker*innen aus der Landwirtschaft meinen Zielen, gelinde gesagt, sehr skeptisch gegenüberstehen? Tatsächlich ist das ein beliebter Vorwurf gegenüber allen, die Kritik an der Tierindustrie üben oder sich für drastische Veränderungen einsetzen: Sofern sie nicht selbst Landwirtschaft betreiben oder Tiere halten,  sollten sie eigentlich gar nicht mitreden.

Der Vorwurf verkennt aber zu einen, dass es jede Menge Kritik an der Tierindustrie auch innerhalb der Landwirtschaft gibt - für dieses Buch habe ich zum Beispiel mit einigen Landwirt*innen gesprochen, die sich aus tiefer Überzeugung für vegane Anbaumethoden einsetzen.

Zum anderen geht die Frage, wie wir uns in Zukunft ernähren werden, natürlich uns alle an. Wir müssen gemeinsam als Gesellschaft darüber verhandeln und entscheiden. Und dafür sind eine immense Vielzahl an Themen relevant, die zu ganz unterschiedlichen Praxisbereichen und wissenschaftlichen Disziplinen gehören:  In diesem Buch sind zum Beispiel Erkenntnisse aus der Klimawissenschaft, der Verhaltensforschung, der Bodenkunde, der Virologie, der Systemanalyse und der Soziologie eingeflossen, um nur einige zu nennen. Wenn wir Lösungen für die komplexe Problematik unseres Agrar- und Ernährungssystems finden wollen, dürfen wir uns nicht auf einseitige Fachkompetenzen verlassen, die ja häufig von der herrschenden Normalität geprägt sind. Genauso wenig dürfen wir uns aber auf bloße Meinungen ohne Faktenbasis stützen. In diesem Buch verfolge ich gegen beide Tendenzen den Anspruch, verschiedene Sichtweisen ernst zu nehmen und alle meine Aussagen fundiert zu begründen. Genau an diesem Anspruch müssen sich letztlich meine Vorschläge messen lassen.

Das radika-realistische Transformationsprogramm, das ich skizziere, möchte ich schließlich niemandem "vorschreiben" - wei auch? -, sondern ich möchte es als Beitrag in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zur Diskussion stellen. Dort muss es verhandelt werden; als Alternative sowohl zu den modernen Reformplänen als auch zu den unerreichbaren Utopien. Das ist so wichtig, gerade weil wir es uns umgekehrt gar nicht leisten können, viele weitere Jahre nur zu diskutieren. Die Argumente für radikale Schritte sind da, geeignete Maßnahmen sind verfügbar. Es muss jetzt darum gehen, sie umzusetzen - gemeinsam.

 

Quellen im Buch und unter https://friederikeschmitz.de/

 

Elke Müller

Telefon: 089/ 20061982

E-Mail: elkerienks@posteo.de

 

Meditation, Achtsamkeitsübungen, Übungen zu den eigenen Stärken - als 8- Wochen-Kurs mit jeweils einer Einheit pro Woche:
auf Anfrage